Selbstverständlichkeiten

17 Feb
17. Februar 2015

Das vergangene Jahr hat mich eines gelehrt: besser nichts als gegeben hinzunehmen. Nichts.

20141014_190858_jotGerne setzen wir voraus und tun als banal und nicht weiter bedenkens- oder erwähnenswert ab, was uns einfach selbstverständlich erscheint: Das Leben an sich, bei möglichst unversehrter Gesundheit, eine gesicherte Arbeitstelle zu haben, die uns womöglich sogar Freude bereitet. Genügend Geld zu verdienen für Kühl- und Kleiderschrank und natürlich für Hobbies, Freizeit und ferne Reisen. Ein Auto zur Verfügung zu haben, das auch den Alltag bedient. Freunde.

Ich bin gesund

Sich „bester Gesundheit zu erfreuen“ gehört zu den Sprüchen, die oft einfach nur daher geredet sind. Nein, zugegeben, wir freuen uns nicht, wenn nichts zwackt, trieft, schmerzt, nicht so funktioniert wie es eigentlich sollte. Wir nehmen es schlicht gar nicht wahr. Erst wenn die vorgenannten Beschreibungen unsere Aufmerksamkeit fesseln, beginnen wir uns nichts sehnlicher herbei zu wünschen als den Zustand, den wir nicht zu schätzen wissen, während er uns durchdringt.

20130425_155156Ich bin sehr froh, seit vielen Jahren selbst von größeren Erkältungen verschont geblieben zu sein, kann mich nicht an meinen letzten richtigen Schnupfen erinnern. Sehr gut mitfühlen kann ich aber – ich hoffe, ich darf das hier so bemerken – bei den Beschreibungen von Heike Schmidt in ihrem Blog und auf Twitter. Ich kenne all diese Gedanken und Empfindungen sehr gut und auch die Ängste, die mit dem Verlust der körperlichen Unversehrtheit und den Gedanken über das Leben und dessen Verletzlichkeit einher gehen.

Ich bin am Leben

Klar, sind wir doch alle! Naja. Fast. Fast alle. Ich durfte dieses Jahr einen wunderbaren Abend lang mit einem alten Freund, den ich lange nicht mehr gesehen hatte, reden und lachen. Ihn wieder zu sehen, erfüllte mich vor allem deswegen mit Freude, weil er im letzten Jahr schon mehr als einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, die uns endgültig von dieser Welt trennt. Herzversagen. Zum Glück in der Praxis seines Arztes. Reanimation. Operation. Koma. Banges Warten. Und während seine Frau und Freunde drei Tage in Ungewissheit leben und hoffen mussten, schwebte er schon beinahe „zwischen den Welten“. Nicht unglücklich, nicht ängstlich, im Nachhinein betrachtet sogar zufrieden und behütet. Und doch: er kam zurück. In dieses Leben, zu seiner Frau und uns allen und kann nun, nach einer langen Phase der Rehabilitation, wieder – nein: noch mehr – lachen und leben und schaffen und wirken. Mehr denn je wird er Künstler sein.

20141009_112616_jotWeniger Glück hatte ein anderer Mensch, den ich erst dieses Jahr kennen lernen durfte und der mir doch so schnell ans Herz gewachsen war. Ich hatte mich darauf gefreut, von ihm zu lernen und durch ihn neue Menschen kennen zu lernen, gemeinsam mit ihm Ideen und Gedankenwelten zu entwickeln. Nun ist er tot. Einfach so, still, schnell und friedlich – viel zu früh, aber nach einem Abend im Kreis von Freunden und gemeinsamen Musizierens. Die Trauer bleibt hier auf Erden. Und immer wieder umweht sie auch mich.

Ich habe eine Arbeitsstelle

Gut, das scheint nun wirklich selbstverständlich. Schließlich erfahren wir Tag für Tag in den Nachrichten, dass unsere Politiker Deutschland quasi in die Vollbeschäftigung führen. Ha. Haha.

Ich war nun fast drei Jahre selbstständig. Nach fast zwei Jahrzehnten als Grafiker und Art Direktor in einer Werbeagentur und durchaus umfassender Berufserfahrung und dem Wissen ob des Vorhandenseins von Fleiß und Ausdauer wollte ich die altersbedingte Agentursschließung meines Arbeitgebers zur Umsetzung eines seit Jahren drängelnden Gedankens nutzen: meine Arbeitskraft etwas direkter meinem Geldbeutel zu widmen als über den Umweg der Mitfinanzierung Dritter… Gesagt, beschlossen… Krise.

20130506_130408Genau die Kunden, auf die ich für die Aufbauphase fest gebaut hatte – und das sind keine kleinen Lichter im Unternehmenshimmel – strukturierten ihre gesamte externe Auftragsvergabe, nein sogar ihre grundsätzliche Wahl der Werbemittel komplett um – Technik, Finanzkrise und Niedrigzins sei Dank… Auf der Strecke blieben aus dem Stand bestimmt 60 Prozent der Arbeiten, die ich im Rahmen der Agenturszugehörigkeit noch geleistet hatte. Im einem anderen Fall wechselte der Vorstand eines anderen Kunden und mit ihm die komplette Firmendenke hin zu „Pfusch-it-yourself“. Zwei große Kunden fehlen sogar einer gesunden Agentur – auf ein Start-Up wirkt deren Downgrading ungefähr so, wie eine Abrissbirne auf die pittoreske Ziegelsteinmauer.

Büromiete, private Krankenversicherung für vier Familienmitglieder, fixe Kosten – da war der Gang zum Arbeitsamt, so schwer und ungern auch angetreten, nach einem Jahr des Hoffens und Bangens nicht mehr abzuwenden. Mir sträubten sich die Nackenhaare (derer ich immerhin noch welche besitze) bei dem Gedanken, „zum Amt“ zu müssen, doch blieb irgendwann einfach keine Alternative.

Drei positive Aspekte hatte diese Phase: ich kam aus der privaten Krankenversicherung raus, ich durfte mich weiterbilden in Sachen Content-Management-Systeme und 3D-Programm und ich hatte durch das gute letzte Gehalt immerhin genügend zum Leben, um eine Weile durchschnaufen zu können.

Es war nun so weit, überhaupt eine Mappe mit meinen Arbeiten zusammenzustellen, gleichzeitig eine ordentliche Website für meine Firma aufzubauen – das hatte ich ja nun gelernt. Hin- und hergerissen zwischen Bewerbungsvorbereitungen für ein Angestelltenverhältnis und Werbung für meine Idee der Selbstständigkeit befand ich mich in einer der beschissensten Perioden meines Erwerbslebens. Und so kam mir auch die Anfrage eines potenziellen neuen Kunden gerade Recht, dessen Geschäftsidee mir nicht nur lukrativ zu sein schien sondern nachgerade lohnend!

Gelaber.

Monate der Vorbereitung, des Aufbaus von Webseiten… Völlig für die Katz’ und unter Zuhilfenahme auch der letzten Reserven. Eigentlich war dies der verzweifelte Versuch, mich nicht wieder in ein Angestelltenverhältnis begeben zu müssen in einer Branche, die ich durch den Vorgang der Stellensuche mehr und mehr und zutiefst verachten lernte. Es war furchtbar. Und – wie der letzte, sehr kurze Absatz bereits impliziert – es war umsonst. Die Zahl meiner versandten Bewerbungen wuchs stetig, dank der objektiven Kritik meiner Frau auch deren Qualität und Aussagekraft. Und plötzlich kamen da auch Einladungen zum persönlichen Gespräch, was ich schon beinahe nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Nicht nur das: es waren gute, solide Angebote, denen ich mich endlich gegenüber sah. Schon das erste Gespräch führte zum unbedingten Wunsch des Agenturinhabers, mich in seiner Agentur haben zu wollen – einzig das angebotene Gehalt passte für mich noch nicht. So führte ich weitere Gespräche und sagte doch dem ersten Angebot zu. Ich bereue es bis heute nicht.

20141003_124648Ich weiß es jetzt wieder sehr zu schätzen, eine Arbeitsstelle zu haben, die mir und meiner Familie regelmäßige Einnahmen beschert. Ich lernte in den vergangenen Jahren einen jeden Monat am eigenen Leib, was es bedeutet, wenn das Geld aus allen erdenklichen Ecken und Quellen zusammenzukratzen ist, um lediglich den Kühlschrank zu füllen und die Raten fürs Eigenheim zu berappen. Jeden Monat aufs Neue. Und den darauf folgenden erneut…

Eine der ersten Aktivitäten meiner Hausbank war übrigens, mir als Selbstständigen den Girokredit des privaten Kontos zu streichen. Das Geschäftskonto kann mit entsprechenden Sicherheiten, etwa einer Lebensversicherung, natürlich über einen Kontokorrentkredit verfügen. Doch viele finanzielle Aktionen, die einem Bürger in Deutschland völlig normal vorkommen, sind als Selbstständiger plötzlich nicht mehr möglich: Ich würde keinen Kredit für ein Wohneigentum erhalten. Der Bezug einer Mietwohnung wäre nur dem „good will“ des Vermieters geschuldet. Die Finanzierung eines Autos oder ähnlicher Anschaffungen ist nicht möglich.

Als Kleinunternehmer ohne finanziellen Hintergrund und einen soliden Kundenstamm ist man – so meine Lehre aus den letzten Jahren – völlig allein gelassen und am Ar… Allerwertesten.

Ich bin mobil

Es begab sich im Frühjahr letzten Jahres, dass ich Frollein Tochter mit dem Auto zum Sport fuhr. Just zu dieser günstigen Gelegenheit beschloss die Servolenkung unseres Familientransportvehikels, jetzt mal den Dienst zu quittieren – einfach so, obwohl ich ihr gar nichts getan hatte! Naja okay, rollen wir halt so ein bisschen lastwagenmäßig runter zur nahen Vertragswerkstatt meines Vertrauens und geben es dort in wohlmeinende Hände. Vielleicht ist’s ja nur ’ne Kleinigkeit.

Ha. Haha…

Wie konnte ich in einem solchen Jahr (siehe voriger Abschnitt) so etwas auch nur im entferntesten vermuten, ich alter Optimist, ähm, Idiot! Als ein ebensolcher hatte ich mir einen schönen A3 als Ersatz geben lassen, man hat ja noch dies und das auf dem Plan und übermorgen sieht man weiter…

„Ja, mit so rund 5.000 Euro müssen Sie schon rechnen“.

(Hören Sie das Schlucken?!)

„Wie? 5.000 Euro?“

„Ja, naja, die Servolenkung und da muss man ein ganzes Lenkungsteil austauschen, weil das heute gar nicht mehr so produziert wird. Und dann sind da noch die Achslager, weil ja der TÜV auch bevorsteht und die Inspektion… Da kommt das schon so hin.“

„ … “

„Sie kommen dann vorbei wegen der Auftragserteilung?“

„Ääähm. Sie müssen entschuldigen… aber könnten Sie mir das vielleicht bitte mal so schriftlich zusammenstellen? Das sollte ich mir vielleicht ein bisschen durch den Kopf gehen lassen…“ (Anmerkung: vergleiche vorheriges Kapitel)

20140605_201342-1Kurz zusammengefasst: Ich bestand auf einen schriftlichen Kostenvoranschlag. Werkstatt lieferte diesen über mehr als vier Wochen hinweg nicht, sei es aus Arbeitsüberlastung oder Schlamperei (meine Vermutung schließt beides ein). Nach mehrmaligem Nachhaken und (wiederum mündlichem) optimiertem Angebot blieb mir nur der (Oberarm fordernde) Weg zu einer freien Werkstatt, die mir das Auto für die Hälfte des ursprünglich genannten Betrages fahrbereit hinstellte, inklusive TÜV und einem Satz neuer Sommerreifen. Allerdings sind fünftausend Halbe halt immer noch zweitausendfünfhundert Ganze.

Diese Episode bescherte mir gut sechs Wochen gesteigerter Nutzung meines Fahrrades, der glücklicherweise vorhandenen Öffis und die Bekanntschaft mit Car2Go. Letztere kann ich an sich als erstrebenswert empfehlen, einzig das im Hinterkopf klingelnde Kassengeräusch während des etwas ausführlicheren Wocheneinkaufs habe ich als recht lästig in Erinnerung (siehe wiederum vorheriger Abschnitt).

Ich bin dankbar

Dass noch so ein paar weitere Aspekte hinzu kamen, die uns das Jahr 2014 nicht eben sympathischer zu machen trachteten, will ich hier nun gar nicht mehr ausführlicher erwähnen, so dieser Kleinkruscht wie defekte Rohrleitung und wochenlanges Trocknungsgedöhns in Küche und Bad oder diese kreuzverdammichverfickte Schultersehnenentzündung und damit einhergehendes Alterungsgefühl galore…

Nein. Seltsamerweise habe ich das vergangene Jahr doch irgendwie lieb!

Ich hatte zwar kein Geld, doch dafür Zeit. Zeit mit den Kindern und meiner Frau, mit den Jahreszeiten und unserem Garten, Zeit zum Fotografieren. Ich durfte auch das ganz besondere Geschenk wahrnehmen, über Twitter in die Gedankenwelt so vieler fremder und doch so seelenverwandter Menschen eintauchen zu dürfen. Ich fühle mich wirklich sehr inspiriert von den zahlreichen klugen Gedanken und Worten, dass ich nur immer wieder unbekannterweise „Danke“ sagen kann für diesen Input in einer für mich nicht leichten Zeit.

Ganz konkret dankbar bin ich meiner Frau, die immer zu mir hält und diese hohlen Worte der Trauung, „in guten wie in schlechten Zeiten“, mit Leben füllt. Und meinen Freunden, ohne die ich dieses Leben nicht als so lebenswert empfände. Und wie dankbar ich für die Existenz meines besten Freundes bin, lässt sich hier nicht ausführen.

Ich bin wütend

20141013_192825_jotNun gut. Ich habe also das Leben von ziemlich weit unten betrachten „dürfen“. Klar, zu so richtig „unten“ fehlten doch noch einige Stufen – und darüber bin ich natürlich ziemlich froh –, doch haben mir die letzten Jahre doch Demut gelehrt. Zwischen dem „normalen“, sorglosen Leben, das wir zu führen gewohnt sind (oder das zumindest vorgeben) und dem Herunterlassen der Hose vor dem Sozialamt liegen viel weniger Schritte als wir gemeinhin denken. Wenn ich nun in den Nachrichten höre, dass zwölf Millionen Deutsche an der Armutsgrenze leben, kann ich mir erstens viel genauer vorstellen, was damit gemeint ist und zweitens in keinster Weise erklären, wie es in einem Land wie unserem dazu kommen kann, das jeder Siebte ( !!) in diese Lage kommt…

In unserer (westlichen) Gesellschaft läuft einiges gewaltig falsch. Es geht so wie in den letzten zwanzig Jahren nicht weiter. Ich war noch nie gedanklich nahe beim Sozialismus eingeordnet, doch das scheint sich zu ändern ob der unmenschlichen Auswüchse des Turbokapitalismus’ der letzten Zeit.

Dazu später bestimmt mehr.

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1 reply
  1. derherrgott says:

    Brillant. Und das Tolle/Schlimme ist, Du hast da einen Beitrag aus der Mitte der Gesellschaft geschrieben. Chapeau!

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