Zeitreise

13 Mai
13. Mai 2014

DSCF0040Gute Freunde von uns leben in einem kleinen Bergdorf namens Berbenno oberhalb des Adda-Tals in Italien. Die ursprüngliche Intention dieses Artikels hat mit den ersten beiden Worten dieses Artikels eine ungeahnte Wendung genommen: Von der reinen Präsentation der faszinierenden Steinhäuser in der Bergdorfwelt der italienischen Alpen wurde ich unvermittelt an die vor langer Zeit geknüpfte und weiterhin bestehende Bande zu einem furchtbar netten Menschen und seiner Familie erinnert und kann diese im Gesamtkontext keinesfalls nicht unerwähnt lassen!

Deutsch-italienische Verbindungen

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Der Fluss „Adda“ fließt, von Bormio kommend, in den Comer See. Die Region ist das „Veltlin“, oder auf italienisch das „Valtellina“.  Die nächste größere Stadt ist Sondrio, Partnerstadt von Sindelfingen, meiner Geburtsstadt. Da ich lange Zeit aktiver Segelflieger im Flugsportverein Sindelfingen war, führten Zeit, Zufälle und Kontakte die Sindelfinger Flieger nach Sondrio und mich in diesem Zusammenhang nach Berbenno, in die Trattoria Traversi, zu Osvaldo Traversi mit seiner Frau Tiziana und einer fröhlichen, vielköpfigen italienischen Familie.

Während unserer Fluglager wohnten einige von uns – darunter eben ich – in den damals noch recht einfachen aber sauberen, schönen Zimmern, die die Traversis vermieteten. Dazu kamen ein Frühstück mit frischen Brötchen vom Dorfbäcker und unübertroffener Cafe latte sowie nach langen Flugtagen das ausführliche, unvergleichliche, genussvolle und gesellige Abendessen. Das Ristorante bietet Platz für gut über 100 Menschen, Hochzeitsgesellschaften oder sonstige Familienfeiern, im kleineren Vorraum fühlt man sich aber auch in geringerer Kopfzahl wohl.

Landwein, italienische Küche und Käse

2006-05-27-0004_jotEgal, ob mit 20, 30 Personen im Rahmen der Vereinslager in Sondrio oder in der heimeligeren Runde der Familie – das Abendessen bei Osvaldo ist einfach der krönende Abschluss eines Tages in den Bergen unterhalb des Berninamassivs. Es ist eigentlich ganz einfach, traditionell italienisch aus der Region, und doch schmeckt man die ganze menschliche Zuwendung der Familienmitglieder, die sich mit der Zubereitung seit dem späten Nachmittag Herzensmühe geben. Es gibt Landwein direkt von den Bergen rundrum, Antipasti, Hauptgericht mit Salat und einen Nachtisch, dazu Käse aus der Region in allen Altersklassen von jung und weich bis sehr reif und kräftig. Den Abschluss bilden traditionell Café und Grappa. Und es gibt Gespräche. Osvaldo, der Geologie studiert hat und doch beim Gastgewerbe hängen geblieben ist, interessiert sich für viele, viele Themen, die seine Gäste ihm zutragen. Er spricht englisch, leider als einziger der Familie, und kümmert sich so rührend um seine Gäste, wie ich es bei keinem (Gast-)Wirt bisher erleben durfte.

Tausend Jahre Bergdorf

2006-05-31-0021_aBis vor ein paar Jahren hatte das Dorf Berbenno noch eine eigene Käserei. Ich hatte mit meinen Fliegerkameraden noch das Glück, die Käseherstellung dort ganz live und in Farbe miterleben zu können – vom Abschöpfen der Molke aus großen Kupferkesseln mit Hilfe von Leintüchern und deren Guss in die hölzernen Käseformen bis hin zur Erläuterung der monatelangen Pflege der Käselaibe, die während ihrer Lagerung regelmäßig gewendet und mit Salzwasser abgerieben wurden. Das allein war schon eine Zeitreise in ein Jahrtausende altes Handwerk. Es ist wirklich ( ! ) traurig, dass schon unsere Kinder diese traditionelle Produktion nicht mehr werden erleben können.

2006-05-27-0008_jotAn den Berghängen oberhalb des breiten Flusstals säumen sich die Bergdörfer wie an einer Perlenkette – hoch genug über dem Fluss um den unsteten Wasserständen nicht ausgeliefert zu sein und doch nahe an der bequemsten Verbindung innerhalb des Tals. Noch heute stehen dort die Steinhäuser, die vor gut eintausend Jahren dort errichtet wurden. War ein Haus für die wachsende Familie zu klein geworden, wurde kurzerhand angebaut, wurden Stein und Holz aus der Umgebung zu meisterhaft ausgewogen geformten Wohn-Gebilden geformt, deren Faszination man sich als Mitglied einer von Kurzlebigkeit und Pragmatismus geprägten Umgebung nicht entziehen kann!

100_0535Noch mehr über den Fluss der Zeit erhaben sind die Berge, zu denen sich die bewohnten Hügel alsbald hinaufschwingen. Zweitausend, zweitausendfünfhundert Meter geht es hinauf, die Flusslandschaft versinkt schon in blauer Ferne, finden sich auch dort die Spuren menschlichen Wirkens und Lebens. Bis vor nicht allzu langer Zeit – und davor für viele Jahrhundert oder -tausende – wurden dort auf den sonnenverwöhnten Wiesen der Sommeralmen die Kühe und Ziegen den Sommer über gehalten. Die abwechslungsreiche Kost der Alpengräser und -blüten sorgte für eine unvergleichliche Milch. Sie und die aus ihr gewonnene Butter und der Käse bildete die Lebensgrundlage für die meisten Menschen der Region.

Heute ist alles still und friedlich dort, in der Abgeschiedenheit der Berge. Nur vereinzelte Menschen und Ziegen finden sich noch zwischen Felsen und geduckten Hütten, die sich vom Berg kaum unterschieden. Murmeltiere pfeifen Alarm, manchmal kann man sogar einen Adler schreien hören.

Für mich ein wirklich paradiesischer Fleck Erde – jenseits von Zeit und Raum…

Innenhof eines Künstlerhauses in Berbenno selber

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Tausend Jahre blicken von diesen Steinhäusern auf den Besucher herab!

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Maurerkunst aus der Zeit der Kreuzritter überdauerte die Jahrhunderte

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Die Parallelität von Verwitterung und Standhaftigkeit

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Unbewohnt und nicht mehr instand gesetzt wird die Zeit nun wohl bald siegreich bleiben

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Lange dauert es nicht, bis die Natur sich ihr Terrain zurückholt

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Die Zeit scheint dennoch still zu stehen, im Vergessen zu versinken

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Hoch über dem Tal, auf ca. 2.000 m, liegt das Sommerhaus der Familie Traversi. Hier verbrachten deren Kinder ihre Sommerferien

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Folgt man dem Weg hinauf zum Bergrücken, stößt man auf alte Hirtenhäuser, die heutzutage teilweise wieder renoviert und als Sommerfrische genutzt werden

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Noch höher oben und in Richtung der Grate liegen die  nicht modernisierten Sommeralmen der Kuh- und Ziegenhüter

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Uralte Steinhütten scheinen sich zu fragen, ob sie noch einmal zum Einsatz kommen werden

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Die Baumgrenze ist hier erreicht, darüber hinaus erstreckt sich kahler Berg

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Die Luft, die Aussicht, die Verbindung mit der ursprünglichen Natur lässt den Besucher nicht ungerührt

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Flatternde Farbkleckse

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